Lauti

Ständig Rand

Es sind die Randfiguren, die seltsamen und die sonderbaren Men- schen, die angegriffenen und die gebrochenen, die mir Hoffnung ge- ben, die dem Traume Hoffnung schenken, dass es ganz anders sein könnte in der Welt.

Ihr Randfiguren, Ihr auf so vielen Ebenen an die Ränder Gedräng- ten, Ihr seid es, die mir die Seele der Menschheit – die traurige Seele – vermittelt. Ihr, die Ihr nicht flexibel genug seid, Ihr seid es, die Alles in Bewegung bringen könnt. In Euch Ungeschönten kann ich den Kern unseres Menschseins fühlen ihn ertasten. Er ist vielleicht rau und hart, doch ist er auch echt und wahr. Nur dort, wo weder Glanz noch Glitter die Wahrnehmung bestimmen und die Sin- ne benebeln, nur dort sehe ich ein Funkeln in den Augen, das zu erkennen mich mit Glück zu erfüllen vermag: Ein verhaltenes, aber tiefgehendes Leuchten, das dem Schmerz ebenso wie der Liebe, ent- täuschter Liebe zu den Menschen, also wiederum Schmerz, noch mehr Schmerz, so viel Schmerz seinen Ausdruck verleiht. Genau das em- pfinde ich als Wahrhaftigkeit.

Ihr fragt nicht: Kennste schon das Allerneueste? Haste das schon gemacht? Willste dies mal probieren? Nein, Euer Leben ist Probe genug – doch probt Ihr nicht, Ihr lebt es.

In Eurer Nähe, in Eurem nach allen Regeln der Verwertung unsinni- gen, ja absurden Dasein, in Eurem Herausgefallensein spiegelt sich die Sinnleere einer Gesellschaft, welche an die Stelle eines Inne- haltens die Karriere, an die Stelle des Erlebens den Event und hinter die Frage des Aufbruchs die Antwort des Kommerzes stellt. Für jeden Mensch eine ganze Welt, den absoluten Genuss, einen megaphetten Lebensevent – individuell, so heißt es, in Wahrheit jedoch vorgefertigter als einem Individuum lieb sein kann: Vor- gestanzte Individualität.

So vorgestanzt wie eine Autoplakette. Diese braucht ein jeder Mensch. Als Zeichen, als Beleg dafür, dass er dazugehört, ja dass er dazugehören darf. Man erwirbt solche Plaketten, man müht sich ein Leben lang, um solche Plaketten auf alles kleben zu können, das zeigen soll: Ich bin dabei! Ich gehör dazu! Auf all das Zeug, das Wert erlangt im Zuge dieses Strebens nach Auszeichnung.

Nur das, was sich nicht verwerten lässt, behält seinen Wert.

Beim Versuch, sich selbst sichtbar zu machen, verwackelt oft nicht nur das Bild, sondern der ganze Blick gleich mit. Und wer sich dann selbst nicht mehr erkennt, erkennt auch die Anderen nicht mehr. So mag für manchen Mensch ein gewagter Blick auf sich selbst ein Blick hinunter in den Abgrund sein, in den Abgrund seines Un- vermögens, sich zu sehen, sich zu kennen, sich selbst nah zu sein. Sich nah zu sein, um Anderen nah sein zu können – nicht nah in Fun und Frohsinn, sondern nah am Diesseits des Schmerzes, des großen Schmerzes, auf der Welt zu sein und nicht zu wissen, warum, wieso, weshalb.

Wer bin ich? Wo komme ich her? Wer sind die Anderen? Wohin? Wer einmal in seinen persönlichen Abgrund geblickt hat, vielleicht auch nicht nur ein einziges Mal, der kann auf die Idee kommen, ja die Gewissheit erlangen, dass die Menschen am Rande, die Randfi- guren, dass sie das Sein des Menschen, den Platz und den Unsinn des Menschen in der Welt, tiefer, eindringlicher, intensiver und Allen voraus auch unverdeckter erleben als die Menschen, die Fi- guren in der Mitte, die in dieser Mitte wie in der breiten Mitte eines wei- ten Meeres schwimmen – vermeintlich frei, fröhlich und unbe- schwert, jedoch dem Ufer, der Erde, in der die Menschen seit je her gedeihen, weitaus ferner, ferner als die, welche am Rande kauern, obgleich auch diese dem Verderb näher stehen als dem Ge- deih, wobei jene am Rande bereits darum wissen – ein Privileg, das sie sich freilich nicht gewünscht hätten.