Lauti

Rebelle Époque

Mein erster Schrei erklingt in meterhohem Schnee. Am 22. Januar werde ich in jene Welt geboren, an deren Rande ich fortan aufwach- se. In langer Weile und mit langem Atem verlebe ich viele Jahre in einem Idyll mit Autobahnanschluss. Und ohne Erziehung. Aber es gibt ja schließlich Wichtigeres. Großmutter und Eltern geben je- denfalls ihr Bestes, um mir das klar werden zu lassen. Wenn ich groß bin, will ich Schriftsteller oder Dichter werden!

Im Sommer '99 startet mein „Dreamwalk Project“. Doch zum Walken fehlt mir noch das passende Paar Schuhe. In meiner Heimat, wo an- geblich die Freiheit wohnt, droht mir indes eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Stattdessen jedoch werde ich Stadtneurotiker, verfasse eine Beendigungsgrundmeldung und leite ein Sinngebungs-verfahren ein. Aber wie gelangt man jenseits der nach dem Dienen und Arbeiten strebenden Leistungsgesellschaft?

Als ich keinen Ausweg mehr sehe, da lerne ich Fliegen. Im Berliner Osten lerne ich, dass, wer Flügel hat, Andere darauf mitnehmen kann. Und ich erinnere mich an meine allererste Tat: Noch bevor ich das diffuse Licht der Welt erblickte, traf mein fester Strahl zielsicher den Kittel des diensthabenden Gott in Weiß. Als sich mir später dann die Augen öffnen, sollen es Schwarze, Rote, Gelbe und Grüne sein, die es mit mir zu tun bekommen. Die rosarote Bril- le jedenfalls habe ich wohl verlegt. Seither höre ich schlechter, sehe aber besser.

Aus dem kunterbunt-grauen Abseits heraus die eigene Mitte finden, jenseits der Wohlfühlorte glückloser Happyness, und dabei im ge- sunden Zweifel bleiben, das kann nur mit der Hilfe guter Feen und Engel gelingen. Den Moment unserer ersten Begegnung habe ich nicht vergessen – ob am Palast, im Rathaus oder im besetzten Haus, ob im Untergrund-Bahnhof, im Weltempfänger, im Politikinstitut oder in der 4b der Grundschule Arsten, ob dort, hier oder im Sowohlalsauch – ihr seid meine Schönsten! Mit euch wurde ich, wer ich bin, mit euch werde ich sein, wer ich wurde. Getreten adeln wir uns selbst. Die Aufgabe ist klar: Andere bewegen, sich gemeinsam auf den Weg machen, zur Bewegung werden und die Welt in Atem halten.

Eine Reise im Jahr 2004 bringt Unerwartetes: Im Warschauer Kultur-
palast findet meine Kür zur Ostprinzessin statt. Seither verfasse ich Gedichte und schreibe Songs. Ich beschäftigte mich mit freier Kunst, der Instrumentalisierung von Kultur, Macht (-missbrauch) und Manipulation. Im Sommer erobere ich den Öffentlichen Raum mit einer Tournee-Performance ohne Publikum. Das Projekt „Vorwärts und nicht vergessen“ führt mich an die Orte sozialdemokratischer und sozialistischer Geschichte.

Im Berliner Palast der Republik empfange ich Ende 2005 den Samen der palatia popularis: „Lasse Deiner Phantasie freien Lauf! Em-
pfange diesen Samen, damit sich in der Stadt was regt!“ Im Netz-
werk ABRISSBERLIN streite ich seit 2006 landesweit an der Seite von Aufständischen und anderen Überlebenden - mit Volkes erklärtem Willen im Rücken - für den Öffentlichen Raum und ein Bethanien für Alle, gegen Mediaspree und die Privatisierung kommunalen Gemein-
guts
. Im Rathaus Kreuzberg fällt der Beschluss, mich einen deut-
schen Herbst lang in den Sonderausschuss zu deportieren.

Seit Ende 2007 fallen *schnuppen in die Hände und Herzen des le- senden Publikums. Jede steht für einen Wunsch.

Die Rebelle Époque hat eben erst begonnen. Streiten wir für Menschlichkeit, Gerech-tigkeit und Soziale Wärme! Mit Liebe! Lasst meinen letzten Schrei nicht verklingen...!

Ihre und Euere

Ostprinzessin