Lauti

Hr. Schröder-Meyer-Schulze

Nach einer wahren Begebenheit.

Er sieht durchschnittlich gut aus und ist maßvoll attraktiv. Er selbst jedoch ist sich nicht ganz sicher, ob er wirklich normge- recht ist. Daher tut er überdurchschnittlich viel dafür, weder unter- noch überdurchschnittlich zu sein, denn er weiß: Wer durch-schnittlich erfolgreich sein will – und er will nicht weniger als das –, der darf des rechten Maßes nicht verlustig werden.

Seine Erwartungen an Ausbildung, Beruf und Karriere sind so durch- schnittlich wie es seine Wünsche sind – selbst die exotischen –, und freilich beharrt er auch in der Liebe auf diese Kontinuität. Seine politische Einstellung ist, Sie ahnen es bereits, im Allge- meinen durchschnittlich, wohingegen sein Geschmack außergewöhnlich ist – außergewöhnlich durchschnittlich. Seine Ratschläge und Em- pfehlungen orientieren sich am Medianwert, seine Vorlieben und Ab- neigungen bilden den Querschnitt. Ausgesprochen konventionell bleibt gewohntermaßen auch seine Auffassung von Freundschaft. Sein ganzes Auftreten ist... na Sie wissen schon; seine Versuche, dies zu verschleiern, sind es. Den ganzen Rest kann man sich denken. Selbst der Würgereiz, den dies auszulösen vermöge, erwiese sich als durchschnittlich. Dass sein Freund einen anderen küsst, probe-weise, ist nur allzu durchschnittlich – und nachvollziehbar; im Schnitt muss er sogar mit unverhohlener Sympathie rechnen.

Unverdrossen strebt er der Mitte zu, doch inmitten der Nacht, meist zur Mitte des Monats hin, da träumt er davon, nicht mehr ganz so mittelmäßig zu sein. Heimlich hofft er darauf, dass die goldene Mitte mal an den einen oder anderen Rand verrutschen möge, auf dass die schillerndsten und die dunkelsten Facetten seiner Person zum Vorschein kommen mögen. Er hält nämlich sehr viel da- von, das Mittelmaß zu sprengen, ja in der Regel ist er überzeugt, dies bereits mehr als durchschnittlich oft getan zu haben. Denn zu wissen, wie sich der Mittelwert zusammensetzt, das lässt ihn stolz sein. Er macht täglich seinen Schnitt, und wenn er nach Ablauf der durchschnittlichen Lebens- und Arbeitszeit nicht an einer durch-schnittlich verlaufenden Herz-Kreislauf-Erkrankung verstirbt, dann wird er auch weiterhin – über das durchschnittliche Rentenein-trittsalter hinaus, der Durchschnittlichkeit nun doch noch entkom- men – am mittleren Platz eines Fünf-Personen-Büros der Statistik-abteilung 1-08/15 des Bundesfamilienministeriums zu finden sein.