Flasche leer?
8 oder 15 Cent – das ist hier die Frage
Unablässig wächst die Wirtschaft. Ein wirklich boomender Markt ist der unsrige; die Konkurrenz wächst von Monat zu Monat und ein Ende ist nicht absehbar.
Mit einer einfachen Plastikkarte überlisten manche von uns die neuen West-Türschlösser in den alten Türen der Ost-Häuser. In den Höfen schauen wir dann in die Abfalltonnen – die für Glas, die für Papier, in die gelbe und in den Restmüll. Oftmals finden wir weder da noch dort etwas. Doch Müllkübel gibt es an fast jeder Straßen- ecke. Wer mit einer Taschenlampe hineinleuchtet, erspart sich ein allzu langes Herumwühlen in zerrissenem Plastik, zerknülltem Pa- pier, Essensresten und gebrauchten Taschentüchern. Ja mag denn ei- gentlich noch irgendjemand sein Ekelzeug in die öffentlichen Dreckeimer werfen?
Früher sah man es uns bereits von Weitem an – und klar, hinkende, alte Frauen und Männer mit verhärmten, zerknautschten Gesichtern, in verlumpten Strickjacken oder Hauskitteln und Schuhen aus den 90er Jahren gibt es auch heute noch; andere tragen Jeans-Klamot- ten, Sportschuhe und Rucksäcke – von dieser Sorte gibt es immer mehr, von jener anderen nie weniger. Mitunter hält man uns für Büroangestellte, in Wahrheit jedoch arbeiten wir so autonom wie sonst kaum jemand. Effizienz gehört zu den Grundregeln. Wer es zu gemütlich angeht, kann sich morgen Mittag den Kaffee nicht leisten oder zum nächsten Ersten die Schulden nicht bedienen. Wer heim geht, um seinen Fang zwischenzulagern, verliert wertvolle Zeit, in der die anderen alles abgrasen.
Seit ein paar Jahren stellen uns die Leute ihre leeren Flaschen gut sichtbar an den Gehwegrand. Immer mehr machen das so. Für vie- le ist es ganz sicher die einzige soziale Tat des Tages. Die Ju- gendlichen haben damit angefangen, sie denken noch unkomplizier- ter, ganz pragmatisch. Außerdem macht es einen guten Eindruck bei der Freundin. Mitunter ist es eine noble Pflicht. In den Gegenden der Stadt, wo viele Leute ausgehen, die neben ihrer unbändigen Feierlaune auch ein ungepfändetes Konto ihr Eigen nennen, gilt dies ganz besonders: Im Prenzlauer Berg, im Friedrichshain, in Mitte – in Kreuzberg seltener.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. In den späteren Abend- und Nacht-stunden aber steigt der Konsum an und damit unsere Chance auf ein Auskommen. Wenn die Leute heiter nach Hause wanken, dann beginnt für uns die Arbeit. Wir arbeiten überall in der Stadt und wir sind unüberhörbar. Das Klirren der Flaschen beschämt, doch es ist kein Spaßartikel, den man abschalten könnte. Beim Sammeln sind wir flink, überhaupt geht alles rasant: Nach und nach fallen bei den meisten von uns die Charmegrenzen – Stufe für Stufe. Flaschen zü- gig und unbemerkt einzusacken, ist kaum möglich, denn zunächst müssen wir den restlichen Fusel ausschütten, da das Ganze andern- falls zu einer weitaus klebrigeren Angelegenheit wird als ohne- dies. In kürzester Zeit wären sowohl Taschen und Kleider als auch die Haut alkoholdurchtränkt, und das fällt auf.
Ohne Aldi-, Lidl-, Penny- oder Plus-Tüten wird man uns gewiss nur selten zu sehen bekommen, sie gehören zur Basisausstattung. Einige von uns behängen ihr Fahrrad tagtäglich mit allerlei Beuteln und Tüten, in denen hunderte Flaschen ihrer Erlösung in den Sammel-automaten der Discounter harren. Dort geschieht es relativ anonym; auch untereinander bleiben wir namenlos, obgleich wir uns fort- während begegnen, bereits nach wenigen Tagen wissend, wer wann und wo seine Strecke läuft. Wir fixieren einander nicht, auch den Leu- ten auf der Straße schauen wir nicht ins Gesicht. Wir handeln ganz und gar zielorientiert.
Im Dunkeln indes lässt sich nur schwer erkennen, ob an einem der Pfand-Fundstücke eventuell ein Hund sein Beinchen gehoben hat – oder ein menschlicher Pisser. Dessen ungeachtet findet sich auf dem Trottoir niemals genügend Geldwertes; was insbesondere unbe- scheidenen Zeitgenossen eine gewisse Sorge bereitet. Genügsamkeit ist ein relativer Begriff, wenn das Flaschensammeln zum Fieber wird. Nicht alle von uns tun es aus blanker Not heraus. Gerade für die Autodidakten unter den Raffgierigen ist diese Tätigkeit wie geschaffen. Zweifellos muss moralisches Empfinden abstreifen, wer Bedürftigeren die Beute vor der Nase wegzuschnappen gedenkt, doch oft genug sind die Übergänge fließend.
Alle kennen uns. Abwertende Blicke werden seltener – beschämt schauen allerdings auch nur noch die wenigsten. Wir sind eine der großen sichtbaren Gruppen der Unsichtbaren. Auffallen wollen wir lieber nicht und das ist den anderen wohl auch ganz recht so. Schweigen im Walde.

