Lauti

Engel ohne Hose

(Teil 2 der Trilogie What about destruction?)

Ein Umzug schafft stets neue Perspektiven. Doch nicht alles, was dabei mit umzieht, findet gleich seinen Platz – so auch der Schlafzimmerengel, der vom Küchenschrank fällt. Sein Hohlkopf zersplittert in achtundsechzig Einzelteile. Füße und Beine hat er bereits bei vorangegangenen Stürzen verloren. Seine fleischfarbe- nen Hosen sind an den Stümpfen hängengeblieben.

In allem sehe ich Zeichen, weshalb ich auch noch den allerletzten Sack Reis, der in China umzufallen droht, nicht aus seiner Verant-wortung für mein Leben entlasse. Die reine Realität ist mir als Wahrheit zu langweilig, um sie als solche anzuerkennen. In meinem äußerlich unversehrten Kopf rotiert also die Hirnspirale, um schließlich folgende, unerwartete Textmeldung auszuspucken: „Er ist auf Grund physikalischer Kräfte ums Leben gekommen.“ Wie bit- te!? Maßlose Enttäuschung umschließt meine freudige Erwartung. Missglückende Selbsttäuschung schmeckt noch bitterer als die glückende. Frustriert lasse ich mich ins Internetz fallen und chatte einer meiner Social-Network-Identitäten auf den Grund. Ein solches Unterfangen ist in seiner Sinnlosigkeit vollständig aner- kannt, auch von mir, daher verliere ich den Verstand – nicht das übelste Übel in einer Welt wie jener, oder dieser.

Ich gehe jetzt, vielleicht ganz. Ihr seid so leer, so verkommen - all Eure ausgereiften Beliebigkeiten, ich bin sie einfach über alle Maßen leid! Zu unaufgeschlossen, zu freigiebig, zu kindisch, zu politisch, zu langhaarig, zu rigoros, zu alt – keine faule Wahrheit über mich, die nicht als Prellbock für Eure starrsinnige Einfältigkeit herhalten muss! Nicht ein einziger unter Euch, der aus seiner halluzinierten Oase hervorkommt! Nicht ein einziger, der Gefallen daran finden mag, eines freien Geistes Gedanken zu begegnen! Was also soll ich dann noch hier - Herzen zusammenfegen? Meines ist glücklicherweise noch heil. Sperrfeuer in der linken Kammer hat lediglich Sektor I und II verwüstet, die unbedeutende- ren unter den lebenswichtigen.

Meine 14-jährige Muse twittert: „Das Hänslein trinkt gerade heiße Pornoschokolade.“ Das Leben geht also nach dem Hirntod noch wei- ter. Ach weh. Der Engel liegt kopflos auf dem Küchenboden; eine Ratte nagt an seiner Hose, einen Flügel weit entfernt nur von der ausgelegten Giftfalle.