Lauti

Berlin: Phantom der Freiheit

Mein erstes Mal wurde zum Schlüsselerlebnis. Die Leidenschaft, mit der Günter – mein Lehrer – es gestaltete, hat mich beeindruckt, und ganz ehrlich: Ich würde es genauso machen wollen. Denn die Klassenfahrt in das Berlin des Jahres 1999 – das war lang vor mei- ner Inamtierung als Ostprinzessin – geriet dank meines Lehrmeis- ters zu einem emanzipatorischen Ereignis.

Günter Janus, Träger schwarzer und roter Lederhosen, zeigte seinen lernwilligen Schülern interessante Perspektiven auf: Die Arbeits-losigkeit in Ostdeutschland, und zwar die strukturelle, war ausge- rechnet im Fach Wirtschaftslehre ein ganzes Schuljahr lang unser Hauptthema. So führte mich also die Arbeitslosigkeit nach Berlin, geradewegs hinein in die großzügigen Räume des Arbeitsamtes, wo ich an einem alten, hölzernen Konferenztisch enormen Ausmaßes Platz nahm. Während der sich daran anschließenden Bahnfahrt nach Adlershof zogen unendlich erscheinende Häuserlandschaften an uns vorbei; an allen möglichen und unmöglichen Stellen bemalte und besprühte Brandfassaden zeugten von verquerer Poesie inmitten der steifen Strenge der Gesteinsformationen. Die Planung für „das größte Wissenschaftszentrum Europas“ in Adlershof überstieg jedes realistische Maß und ein von der Propagandabeauftragten vorgeführ- ter Werbefilm hinterließ noch beim geneigtesten Kapitalisten unter uns einen schalen Nachgeschmack.

Begonnen aber hatte alles ganz anders: Am Bahnhof Friedrichstraße, gerade erst draußen mit den Koffern stehend, lief mir ein berli-nernder Punk mit seinem Schäferhund über den Weg. Das war meine allererste Begegnung in Berlin. Irgendwo in der Nähe wehten bunte Federboas vor einem improvisiert erscheinenden Laden, der sich in ein kleines Haus mit bröselndem, grauen Putz eingenistet hatte. Die Love Parade stand bevor, doch davon wusste ich nichts. Unsere abgelegene Unterkunft am Kleinen Wannsee befand sich am Ende einer von Swimmingpools gesäumten Straße, die zwischen den Mauern und Zäunen eines Villenviertels verlief. Im Gästehaus der Friedrich Ebert Stiftung trafen wir auf Mitarbeiter, die das Ende der tradi- tionellen Arbeitsgesellschaft ebenso sehr herbeisehnten wie auch ich damals schon.

Ein Klassenausflug an die Vaganten Bühne in der Kantstraße brachte uns „Shakespeares sämtliche Werke“ näher, zusammengefasst in einer 90-minütigen Aufführung. Und im Charlottenburger Renaissance Thea- ter bescherte uns die britisch-schrille Komödie „Great Lovers in History“ die Verwirrung zwischengeschlechtlichen Schauspiels. Doch auch das theatrale Leben außerhalb der Theater sollte nicht feh- len. So führte uns Günter zu seinem Lieblingslokal an der Oranien-burger Straße, von wo aus wir staunend den Prostituierten bei der Anwerbung zusahen, verblüfft die Tatsache zur Kenntnis nehmend, dass dies niemanden zu kümmern oder gar aufzuregen schien. Günter ließ uns viel freie, unkontrollierte Zeit. Daher konnte ich allein in die große, unbekannte Stadt fahren und an der Motzstraße schwu- le Luft atmen. Dass ich mit Schwulen kaum etwas gemein haben, ja mit dem üblichen Lifestyle schwuler Männer nicht auskommen würde, das wusste ich damals noch nicht. Die überirdische, schwüle Hitze des Sommers verließ ich über eine Treppe gen Unterwelt und ließ mich ein paar Stationen weit transportieren, ohne Ziel und ohne Orientierung, irgendwo unter dem Häusermeer entlang. In den vollen U-Bahn-Zügen schwitzten lesende, sich Luft zufächernde Menschen, die mir entrückt erschienen und dabei ganz anders als jene, die ich gerade erst in der Oberwelt hinter mir gelassen hatte. Ich befand mich in einem Multikultiexpress der U1 – Richtung Parallel- welt. Selbstverständlich aber stieg ich bereits nach wenigen Sta- tionen aus und fuhr sofort wieder zurück, denn ich hatte große Angst, hoffnungslos zu verirren.

Auch Visiten im Osten erschienen mir überaus abenteuerlich. Spon- tane Begehungen wundervoll heruntergekommener Mietshäuser im nur zufällig entdeckten Scheunenviertel ließen mein Herz höher schla- gen. An mancher Wohnungstür fand sich noch eine der legendären Pa- pierrollen, auf denen man Botschaften hinterlassen konnte, wenn gerade niemand zu Hause war. Spontanbesuche waren nicht so unüb- lich wie heutzutage. Überall stieß ich auf offene Haustüren und nur selten auf ein Schloss. Im Innern der Häuser roch es nach al- tem Holz und dem Jahrzehnte alten Duftkanon der Putz- und Scheuer-mittel. Draußen fand sich eine bizarre Landschaft aus überwiegend rosafarbenen Rohren, verwinkelt über Gehwege, Straßen und Kreuzun- gen gebaut. Lange Zeit noch hielt ich dies für das übliche Rohr- leitungssystem, dort im seltsamen Osten. Bog man um eine Ecke, er- schrak man gelegentlich an der dramatischen Ansicht des Fernseh-turms. Verwirrung lauert in Berlin an vielen Orten, was ich spä- testens bei einem Gruppenausflug ins neue IMAX-3D-Kino am ganz und gar absurd in eine Art Niemandsland gebauten Potsdamer Platz be- griff.

Der Osten jenseits der Spandauer Vorstadt in Berlin-Mitte blieb mir verschlossen; er schien mir zu weit weg zu sein und ich erwar- tete auch überhaupt nichts Gutes von ihm. Erst mein zweites Mal sollte mir die Augen öffnen. Ein lieber Freund aus Kirchhammel-warden bei Käseburg an der Unterweser im Oldenburger Land hatte das Angebot einer Bekannten angekommen, ein paar Tage bei ihr im Prenzlauer Berg zu nächtigen. Das liegt im Osten, wie wir schnell begriffen. Zwar war mein Freund bereits einige Male in Berlin ge- wesen, niemals aber im Osten. Im Westen hatte auch ich über den jäh hinzugekommenen Osten noch nie etwas Gutes gehört. Vor meinem geistigen Auge sah ich bereits, was dort zu erwarten sein würde: Plattenbau, Ausländerfeindlichkeit, kulturlose Menschen. Später, als dann die U2 hinterm Senefelderplatz den Untergrund verließ, da habe ich offenen Mundes an der Scheibe geklebt. Altbau an Altbau, mehr oder minder konserviert, soweit das Auge reichte. Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass es soetwas in deutschen Kriegs- und Abrisslanden überhaupt irgendwo geben könnte. Die Fahrt endete an der Eberswalder, da an der Schönhauser gerade gebaut wurde. Bepackt mit schweren Taschen und Koffern, erreichten wir in einer der Seitenstraßen das Ziel. Wir läuteten an der Tür, einmal, zwei- mal, nochmal – keine Reaktion. Unsere Gastgeberin hatte uns ver- setzt, einem Laissez-faire entsprechend, dem man in Berlin gern frönt, wie ich mittlerweile gelernt habe. So warteten wir auf ihr Erscheinen im gegenüberliegenden „Dick & Doof“.

Ihre Wohnung erschien mir riesig. Das Licht im Badezimmer spendete eine Stehlampe, die im Flur angeschlossen wurde, da es im Bad kei- ne Steckdose gab. Wir bezogen das große Zimmer am Ende eines lan- gen Ganges. Am nächsten Vormittag öffneten wir die Fenster und lauschten in die Sterbensruh des Hinterhofs. Unsere Gastgeberin war bereits ausgeflogen. Wir wussten nie, wo sie sich gerade auf- hielt. Mit knurrenden Bäuchen suchten wir nach Essbarem; in der Küche wurden wir selbstverständlich nicht fündig. Also gingen wir raus auf die Straße. Dort fanden sich gleich mehrere einladende Etablissements, allerdings solche für Fleischeslust. Eines davon wies zur Freude geneigter Schnäppchenjäger bereits in seinem Namen auf das allnächtliche Sonderangebot hin: „Darkroom“. So hatten wir uns den Osten nun wirklich nicht vorgestellt. Wir frühstückten dann in einem schnöden Bäckerei-Filialgeschäft. Am nächsten Tag hatten wir uns bereits assimiliert und nahmen unser Frühstück in einer Cocktailbar ein – für 8 Mark.

Im Prenzlauer Berg lief man teilweise halbe Häuserblocks weit un- ter Baugerüsten entlang. Hinter geöffneten Fenstern surrten Schleifmaschinen; Staubwolken zogen an einem vorbei. Das Viertel um die Gethsemanekirche schien einem Märchen zu entstammen und in der Kastanienallee, wo sich die schweren Gehwegplatten aufbäumten, herrschte die bezaubernde Atmosphäre einer improvisierten Haupt-straße moderner, alternativer Lebensart. Die nächste Zeitenwende nahte. Man sah sehr viele hübsche Boys mit hübsch frisiertem, mit- tellangem Haar und Umhängetaschen. Eine 70er-Jahre-Retrowelle sorgte für entsprechendes Beinkleid sowie Jacken und Jäckchen im Look jener Zeit. Für die erwachende Lust eines Jünglings schien sich hier das Paradies aufzutun. Es verstrichen noch vier lange Jahre, bis ich einen jener Boys kennenlernte. Der Ort dieser Be- gegnung existiert nur noch immateriell, denn er wurde ausradiert, um einer Schlosskulisse Platz zu machen. Als ich den Palast der Republik zum ersten Mal sah, da schien er mir nichts weiter als hässlich zu sein. Dass er einmal zu mir gehören würde wie das „O“ in meinem Namen – beides ahnte ich nicht.

Am Pfefferberg befand sich inmitten wüst aufgerissenen Pflasters ein stark frequentierter Umsteigeplatz für den Schienenersatzver- kehr. Auf bröselnden Mauern tummelte sich quirliges Volk. Doch die Neugier trieb uns weiter nach Mitte, zu einer Technoparty im Tele- graphenamt. Dort fanden sich hunderte Individuen, die ohne eine sichtbare Individualität auskamen. An Uniformität erschrecke ich mich so sehr wie an der heute üblichen Sprachformel, mit welcher der Holocaust einem sog. „NS-Regime“ zugeschrieben wird, wissend, dass die Schoah nur mit der Unterstützung vieler Millionen Mitläu- fer möglich und wahr wurde. Vor dem Eingang zur technoiden Party in den grau-braunen Gemäuern fiel mein Blick auf die goldverzierte Kuppel der Synagoge an der Oranienburger Straße.

Anderntags trafen wir im Friedrichshain meine Bekannte Simone, die sich als Schneiderin verdingte. Sie führte uns in ein improvisier- tes Kellerlokal. Illegal und halblegal eröffnete Stuben begründe- ten einst den neuen Charme Berlins. Solche Orte gibt es nicht mehr und mit ihnen ist auch der Charme gewichen. Simone erzählte uns aus ihrem aufgewühlten Berliner Leben – der Teilhabe an den orts- üblichen Bräuchen wie dem großen Hauen und Rennen zwischen Nazis, Linken und Bullen – und von ihrer Angst, womöglich oberflächlicher geworden zu sein; aber sie war ja gerade erst dabei, es zu werden. Erschöpft erklommen wir am nächsten Tag den Tempelhofer Berg. Un- sere Gastgeberin empfahl uns ein Lokal am Chamissoplatz, in das man sein Frühstück einfach mitbrachte. Madame selbst trafen wir nicht an. Und hätte es nicht den einen Moment ihrer tatsächlichen Anwesenheit gegeben, während eines kurzen Zusammentreffens in ih- rer Küche, dann hätte ich sie für ein Phantom gehalten.

An den Berliner Rhythmus musste ich mich noch gewöhnen, doch kaum hatte ich seine Einzigartigkeit erkannt, verstanden und in mich aufgenommen, den Wunsch entwickelt, ihn auszusenden und in alle Richtungen abzustrahlen, kaum hatte er mir die Flügel verliehen, ihn in neue Höhen zu tragen, da änderte sich sein Takt. Er verlor seine Eigenarten, seine Unschuld; seither klingt er ganz oft nach ganz üblem Mainstream oder verkommt zur Pose. Einen kurzen Augen- blick lang lebte sie hier, die Freiheit – sie, das eckige Etwas, sie, die magische Spannung der undefinierten Leerstelle –, fand in Berlin ihr Zuhause, und nun, da sie wieder ohne Obdach ist, sind es ihre Interpreten auch.

„Solange Berlin sein Gesicht bewahrt, die schönen Seiten und die Dreckecken – die vor allen Dingen –, ist es eine schöne und einzigartige Stadt.“ Und wo ist in Berlin die größte Dreckecke? „Ich glaube, die müssen wir in uns selbst suchen“. (Telmo Pires)