Lauti

„Ich bin's nicht gewesen!“

Eine Gentrification-Satire für Unschuldige.

Ich – die Ostprinzessin, Dichter und Denker im Land der Richter und Henker, mit ausgeprägtem Hang zu neurotischen Milieus, blicke der Kunst tief hinein in ihre schönen Augen. Ich schaue der Kultur auf ihre Mäuler und lausche jedes wahren Wortes Klang, möge er auch noch so verstimmt sein. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue, an der Instrumentalisierung der Kultur, ihrer Macht, ihrem Missbrauch und ihrer Manipulation teilzuhaben. Macht macht geil. Macht macht gierig. Macht macht mächtig. Mächtig ist die Gentry. Die Gentry – das ist eine Gesellschaftsschicht des gehobenen Bür- gertums und des niederen Adels. Und jedes Kind weiß: Adel ver- pflichtet. Doch man täusche sich nicht – wir Alle haben die Lizenz zur Gentrifikation!

Herr Dr. Fuchs hat eine Meinung zum Gentrifizismus. Dr. Fuchs meint, dass das Ganze ein Modethema sei. Er kann sie nicht leiden, die Schwätzer, die immerzu über Gentrifizierung schwadronieren und meinen, dass ihr Geschwätz aufgewertet würde, wenn sie sich auf irgendein Podium so prominente Sozialwissenschaftler wie André Andrej setzen, der seine Brötchen sich verdient mit der Unterfüt-terung des Geschwätzes über die gemeine, die fiese, die ganz böse Gentrifizierung. Dr. Fuchs ist in seiner Jugend ein Punker gewesen – so'n richt'jer Punker mit modischem Irokesenschnitt. Heute ist Dr. Fuchs Rektor des Instituts für ungestellte Zwischenfragen an der Hochschule für Kunstimitation und Sinngebungsverfahren, in Stuttgart-Stammheim. Doch man täusche sich nicht, denn Dr. Fuchs ist Punk geblieben, und deshalb: „Halt's Maul, André Andrej, sonst hol' ich Deine Stasiakte oder die vom BKA!“

Und irgendwer hat mal wieder gar nichts mitgekriegt und schreit in den Raum: „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen!“ – „Ich bin's nicht gewesen!“ Doch die zusammengekniffenen Augen verraten ihn.

Dr. Fuchs liebt Schweinchen Schlau. Sie leben gemeinsam, etwas außerhalb der Stadt, in einer ausgebauten Waldhöhle – mitten im Wald, zwischen den Wölfen und Wildschweinen. Ja da kann der große, böse Wolf lange pusten, dieses Haus fällt zusammen nimmer mehr. Die Tiere - sie haben gegenüber dem Mensch den Vorzug, immer ehr- lich zu sein. Wenn ich Dich nicht fresse, dann frisst Du mich. Und sie suchen keine Kapitalanlagen. Doch seien auch wir einmal ganz ehrlich: Die Wälder sind der gentrifizierteste, real existierende Ort abseits unserer betonierten Zivilisation. Die allermeisten Sorten und Arten sind schon vor langer Zeit unserer systemati-schen, monokulturellen Inwertsetzung zum Opfer gefallen. Von Mul- tikulti halten wir Menschen gemeinhin nicht viel, das haben wir bewiesen. Warum sollten wir auch – wir sind die Herren der Wild- nis! Wenn wir das nächste Mal einen romantischen Liebesschwur in den Baum ritzen, sollten wir uns vielleicht daran erinnern.

Meine Nachbarn, das sind ganz wunderbare Leute. Frau Klein, äußer- lich das gemeinsame Kind von Joy Fleming und Rosie O'Donnell, in- nendrin 'ne zarte Berliner Pflanze mit empfindlichem Ohr, hat ein großes Herz und eine robuste Gesundheit, doch sie fürchtet die Rücksichtslosigkeit einer aufgedrängten Sanierung und die vergif- teten Segnungen der Modernisierung. Dann bleibt nur das Alters- heim, sagt sie. Bärbel Trödelkowski, die Vertreterin des städti- schen Wohnungsunternehmens GehSchonBau, ist bereits voller Vor- freude: „Diese Lage! Dieses Potential! Diese Nähe zu Mitte!“ Frau Jung, die Älteste im Haus, sitzt in ihrem Ohrensessel und ist froh, dass sie nicht mehr so gut hören kann. Erstbezug '68, weißes Haar, coole Sonnenbrille, und bleibt mal Kuchen übrig, dann bringt sie ihn vorbei. Sie ist's nicht gewesen.

Herr und Frau Sonne wohnen mit der schönsten Aussicht – der Unter- gang am Horizont, jeden Tag. Vielleicht zum Penthouse erweitern? Bei den Sonnes hängen hölzerne Schmetterlinge an der Tür und da- hinter erklingen die lieblichen Töne der Volksmusik. Da sie zu den Nichtalkoholikern unter den urdeutschen Bewohnern des Hauses zäh- len, werden sie die Härten der Modernisierung ohne wahrnehmungs-bedingte Abstriche erleben. Herr Sonne, ein tabaktrunkener Günter-Grass-Lookalike und Hundehalter im Jogginganzug, wird schweigen, denn das tut er immer gern, ganz gleich, wem er begegnet. Als Neu- bewohner komme ich mir dann wirklich vor wie ein Friedensstörer; in Wahrheit jedoch werde ich ganz selbstverständlich willkommen geheißen, gelegentlich sogar herzlich. Und während ich grad so auf meinem Balkon stehe, hoch oben über den Anderen, da spricht mich plötzlich mein Spiegelbild von der Seite an: „Opri, Du bist's nicht gewesen, nein, Du nicht!“ - einmal auf Deutsch, einmal auf Türkisch, also zweema uff Berlinerisch. Glauben aber kann ich's nicht. Doch soll ich denn deshalb weinen? Tränen, sagt Pfarrer Braun, sind das Alibi der Schuldigen.

Künstler haben gelegentlich auch mal eine Meinung zum Gentrifi-dingsbums: „Das hat nichts mit mir zu tun!“ Künstler – sie leben für die Kunst, sie leben mit ihr, in ihr und gelegentlich auch von ihr. Man findet sie überall dort, wo was los ist – und wo nichts mehr los ist, da sind sie bereits gewesen oder noch nicht angekom- men. Künstler wohnen in einem Cocon am Hang der réalité und wenn sie sisch entpüppen, dann werden sie wünderschöne papillons – Schmetterlinge, sich gebärdend wie Maden, die sich in ihre Umge- bung hineinfressen und vor dem Denken erst noch das Sprechen ler- nen: „Ich bin's nicht gewesen!“ Nun ja, im Aberglaube galten Schmetterlinge gar als Verkörperung von Hexen. Da sie von Butter und Rahm angelockt werden, wurden sie „Milchdieb“, „Molkenstehler“ oder „Schmandlecker“ genannt.

Die Butter lassen sich Künstler nicht so schnell vom Brot nehmen. Johann Sebastian junior komponiert Bilder; er transformiert die Aura von Objekten zu anfassbarer Ware. An seinen Fotografien lässt sich ablesen, dass er einen besonderen Blick hat für Ausschnitte, die sonst niemand gesehen hätte und die auch kaum jemand für be- deutend gehalten hätte. Da die noble, etablierte Kunstszene dieses herausragende Talent noch nicht hinreichend entdeckt hat, bleibt ihm nur die künstlich ins kunstferne Milieu hineingentrifizierte Kunstkolonie der Kunstschaffenden als Start-up-Rampe. Könnten Hoffnungen Berge versetzen, ja dann wäre die Seestraße ein Ge- birgshighway; am Gesundbrunnen, dem Montmartre von Berlin, ent- spränge der Laufsteg der High Society - die Badstraße, die Müller- straße wäre der Kudamm des Nordens. Die Gegend um den Volkspark Rehberge dürfte dann wohl immerhin als das Beverly Hills der klei-
nen Leute gelten und im sog. „Café Achteck“ am Pekinger Platz gäbe es statt der mondänen Pinkelecken wenigstens ein paar Nussecken - oder Blechkuchen. Problem- und Gruselkieze wären als Wohlstands- ghettos verschrien, leidend an der Überreicherung ihrer Bevölke- rung, und die Prinzenallee trüge schwer an ihrem Ruf, eine Prome- nade des Geldadels zu sein. Gewiss, auch ich laufe dort täglich auf und ab, ähnlich einer Straßenprostituierten, und frage voller Sehnsucht: Wann, ja wann nur küss' ich endlich meinen Prinz aus tausendundeiner Nacht? Und mittags fällt dann eine *schnuppe ein- fach so vom Himmel, einem Prinz aus der Prinzenallee vor die Füße – doch der, der sieht sie nicht.

Dass eine Melange aus Hoffnungen, kreativem Style und künstleri- scher oder politischer Aufbruchstimmung eine ganze Weile lang sexy ist, und dass dann nach dieser Weile des Sexyseins „plötzlich“ al- les so unsexy ist wie nie zuvor, das weiß jeder, der den Prenzlau- er Berg kennt – also auch unser Johann Sebastian, denn der wohnt dort in einem noch unsanierten Hinterhaus und beschwert sich tag- täglich über die schöne, neue Langeweile grün-bürgerlicher Menta-lität, die hier ihre Biobürger gebährt. Peter Bein, einer der letzten älteren Mieter im sich verheizenden Hotspot Prenzlauer Berg – Wedding vis-à-vis – flüstert seiner todtraurigen Hündin die letzten Worte ins Ohr: „Ich bin's nicht gewesen!“ Ein herbeigeeil- ter Makler ruft den Bestatter.

Dieses ganze Gentry-Zeug versteht doch kein Mensch. Fragt man je- manden danach, dann trifft man auf Unverständnis; will man es er- klären, dann provoziert man ständig neue Missverständnisse. Doch im Grunde wissen Alle, um was es geht: Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, Rennen oder Überranntwerden. Und neulich, so stand es im Trucker's Journal, da lag ein kleines Kind bäuchlings auf der Autobahn und spielte Gentry. Seine zu Tode erschrockene Mutter eilte herbei, riss es im letzten Augenblick fort, drückte es ganz fest an sich und fragte, nach Fassung ringend: „Warum hast Du das gemacht!?“ – „Ich will auch endlich gentrifiziert werden!“

Wir befinden uns gerade samt unserer privaten Träume und Hoffnun- gen hier in der Öffentlichkeit des veröffentlichten Raumes; und wenn wir nun unser Tun und Schaffen – samt seiner ökonomischen Dimension – mit der sozialen Wirklichkeit abgleichen – jene Wirk- lichkeit, die aus bildungsbürgerlichen Gründen draußen bleiben muss und nicht an einer Diskussion auf ihrer Metaebene teilnehmen wird –, dann müssen wir – unterwegs zur Moral von der Geschicht' – irgendwann einmal zur Kenntnis nehmen, dass diese Wirklichkeit im Wedding eine Heimstatt hat und dass diese Heimstatt, noch bevor ihre Bewohner die Losung „Wir bleiben alle“ auswendig gelernt ha- ben könnten, weggentrifiziert worden sein wird.

Und irgendein Blitzmerker greift sich in genau diesem Moment an den Kopf und denkt: „O nein, jetzt kommt das auch hierher!“

Menschen werden aufgeben, nach und nach, werden ihre vertraute Um- gebung verlieren, ihr soziales Umfeld, ihre Kultur- und Rückzugs- orte, noch bevor sie sich darüber einig sein werden, ob und wes- halb all das so wertvoll und unersetzbar gewesen ist. Nicht alles hätte so bleiben sollen wie es war, werden sie sagen, aber vieles schon. Doch sie sind die Schwachen, die Verlierer, die „seelenlo- sen Figuren auf dem Schachbrett“. So formuliert es die 74-jährige Brigitte Potempa, die darum bangt, dass ihr Haus aus der Moderne – Licht, Luft und Sonne – abgerissen oder zum Hinterhaus einer hoch- preisigen Blockrandbebauung degradiert wird - für das Upgrade der Gentry und der Postkreativen. Und die Kreativen? Die sind längst über alle Prenzlberge.

Und irgendein kreativer Witzbold hat sein „Ich bin's nicht gewe- sen“ an den Palast der Republik gepinselt. Welche Republik? Wel- cher Palast?

Robben liegen am grünen Strand des Landwehrkanals, zwei Delfine schwimmen in der Spree, Aale gleiten die Kanäle entlang, ein Wal hängt in der Panke fest, einhundert Haie umkreisen die letzten kleinen Fische und ein Rudel Wölfe erlegt den allerletzten Berli- ner Bär. Es geschah an einem Sehnsuchtsort, einem blutenden Bei- spiel des kreativen Aufbruchs, in der Tradition des vielfach ge- schändeten Traums vom friedlichen, glücklichen Miteinander, jen- seits von Gier, Profit oder Vorteilssicherung und fernab des Ver- wertungs- und Leistungsdrucks, der auf uns ausgeübt wird und den wir an unseren Nächsten weiterreichen, dort abwälzen, und dann verlogen danebenstehen und behaupten: Ich bin's nicht gewesen!