2. Mai: Hurra, ich lebe noch
Nachdem ich gestern den Schleier gelüf- tet, die rosarote Brille abgesetzt und meinem Staat ganz tief ins polizeiliche Auge gesehen hatte, da war ich plötz- lich richtig verliebt – verliebt in den Gedanken, ohne ihn zu leben. Weitere Konsequenzen: Ich benötigte dringend 'nen Zauberstab, zwei Wasserwerfer und mindestens drei Wochen Kur. Eigentlich.
Für die ganz gewiss notwendigste Angstsituation meines bisherigen Daseins darf ich den paramilitärischen Einheiten unseres ach wun- derschönen, aber seit jeher hässlich interpretierten Landes meinen tiefsten Dank auszusprechen. Denn Angst löst bei mir Schrei(b)- blockaden. Ha ha, kleiner Scherz.
Plötzlich eingepfercht - vorne zu, hinten zu, Seiten zu, viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum - und von in Panik vor ge- panzerter Gewalt und Gas fliehenden Hunderten an eine Hausfassade gedrängt zu werden, ist ein kollektives Vergnügen der Extraklasse, das sowohl einem beginnenden Wonnemonat als auch wirklich jeder Prä-, Post- und sonstigen Demokratie anno 2011 vollkommen angemes- sen und verhältnismäßig erscheint. Dann von kraftstrotzenden Robocops noch etwas fester mit den bislang ahnungslosen Anderen zusammengepresst zu werden - Atmen, by the way, wurde zur Glücks- sache -, überstieg selbst die Erwartungen der mitgefangenen Vete- raninnen und Hartgesottenen; und das ist auch gut so, denn wer ist nicht gern mal überrascht!
Panisch aus der Menge gekämpft, so umsichtig wie möglich und so zupackend wie nötig, schließlich an Kesselrand und Polizeisperre angekommen, schallt es mir entgegen: „Vorne raus!“ Immerhin, die Staatsmacht hat Humor. Da hilft nur eins: Sich Flügel wachsen lassen. Syrien ist näher als man denkt.

