Gute-Nacht-Geschichte
Es war einmal ein Menschenkind, das konnte wieder einmal nicht einschlafen. Da kam ihm die Idee, sich an etwas Wunderwunderschö-
nes zu erinnern, das ruhig und sanft stimmen würde. Es dachte eine Weile nach und ging dann in der Zeit ein kleines Stück zurück. Ein paar Jahre nur mögen es gewesen sein.
Nun sah es sich, wie es in seinem kleinen Bett lag, das manchmal so laut knarzen konnte, wenn man sich darin bewegte. Es lag dort friedlich und geborgen, eingemummelt in die dicke, weiche Daunen-
decke, zaghaft, ja ehrfürchtig dem schweren Sturm lauschend, der draußen um das Haus herum tobte. Man konnte vieles ganz genau hö-
ren, manches war auch nur angedeutet zu verstehen. Sein Zimmer lag unter schrägen Wänden, direkt unterm Dach.
Der Wind draußen stieß mit aller Macht gegen das Dach und heulte immer wieder auf, wenn er Anlauf nahm. Er hebelte an den Dachpfan-
nen und manchmal schaffte er es, die eine oder andere anzuheben, dann schepperte es kurz und stumpf und man konnte das Gefühl ha-
ben, der Sturm wolle sich einen Weg ins Innere des Hauses bahnen. Gleichzeitig umschloss das Dach das Bett in dem kleinen, kühlen Raum sicher und lies kein Unheil zu. Oder doch? Der Wind brauste immer noch, die Dachbalken knarzten in unterschiedlich langen Tö-
nen und man konnte meinen, jemand schritt das Dach entlang. Das aber wäre zu unheimlich, um es weiterzudenken.
Gegen die zwei kleinen Dachfenster peitschte der Regen in Böen, manchmal schien er nur sanft zu tröpfeln, dann wieder hörte man den Wind Anlauf nehmen und die Regentropfen gegen die Scheiben und die blecherne Ummantelung prasseln. Drinnen fühlte es sich an wie auf einem großen Schiff in schwerer See. Die Böen schienen manch-
mal, während sie schon stürmten, nochmals zusätzlich Anlauf zu nehmen, so dass, den Atem abschneidend, lang anhaltender Druck entstand. Die große, hohe Tanne nahe den Fenstern gab keinen Laut von sich, ja sie schwieg, wohl konnte man aber ahnen, dass auch sie hin- und hergerissen war, zu schreien.
Von weiter her aus dem Garten aber stach ein Geräusch hervor: Die große Birke mit ihren lang zum Boden zeigenden Zweigen mit den abertausenden Blättern rauschte wie um ihr Leben. Sie bog sich so weit herunter, dass man diese Beugsamkeit nicht mehr fassen woll-
te. Sie schien hektisch davonfliegen zu wollen. Ihre starken Äste bogen sich gefährlich weit nach unten und brachen beinahe unter dem Druck. Doch das alles ahnte man nur, gleichsam aufgewühlt und friedvoll, unter der Decke liegend. Allein das heftige Rauschen drang durch.
Alles zusammen wurde manches Mal so laut, dass man die Decke über den Kopf ziehen musste, um nicht alles so bedrohlich mitzubekom-
men, dass man Angst kriegen musste. Als alles Schwere abklang, blieben die Regentropfen zu hören, wie sie noch stundenlang, fast ganz gleichmäßig und in kleinen Böen, auf die Scheiben prasselten. Man konnte denken, dass die Nacht nie mehr enden würde. Aber wäh-
rend das kleine Menschenkind in seinem Bett anfing, dieses zu den-
ken, wurde es so müde, dass es sanft, aber wundersam aufgerissen, in tiefen, ruhigen Schlaf fiel. Und das war auch alles, was es, ein paar Momente zuvor, zu hoffen bereit gewesen war.
Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch - vielleicht inmitten einer großen, großen Stadt, die andere Wunder kennt. Und dort denkt es so manches Mal daran zurück.

