Die tägliche Müllanfuhr
Nun ja, verehrte Millionäre und arme Schlucker, im günstigsten Fall sind Stolz und Würde das, was bleibt, während man alles An- dere gerade verliert. Gerechtigkeit und Soziale Wärme bleiben ge- meinhin auf der Strecke – manchmal sogar die Menschlichkeit; und das lässt sich unschwer nachvollziehen, denn, ähnlich der Liebe, bedürfen sie einer Ausbildung. Daher könnte man nebst Religionsge- meinschaft und ach so heiliger Familie auch das Land, in dem man lebt, als eine Ausbildungsstätte begreifen und Demokratie als den Beruf eines jeden Einzelnen. Solcherlei Ideen jedoch machen sich Ideologen von jeher zu eigen und schon wird aus einem Land eine Nation und aus „Demokratie“ der durchsichtige Versuch, eine Nation zu legitimieren und in ihr eine Herrschaft der Unausgebildeten zu etablieren. Genau dies ist längst geschehen in jener Nation, die kaum zwanzig Jahre jung ist und die doch so gern 1000-jährig wer- den wollte.
Die Bedürfnisse des Einzelnen sind in ihr von ebenso nachrangiger Bedeutung wie die Bedürfnisse der kleinen und großen Minderheiten – wenn es gilt, eine Nation aus dem Boden zu stampfen, ihr Symbole und Bedeutungen zu verleihen. Und nicht selten kommt es vor, dass auch die Auffassung der Mehrheit nicht von Belang ist – wenn es darum geht, die Profite einiger Weniger zu sichern. Jede Ideologie erklärt ihre Sicht der Dinge zur Leitkultur. Recht hat, wer dabei ist; wer nicht mitmacht, darf sich nicht wundern, wenn er – in letzter Konsequenz – in Stammheim, in Bautzen oder in Moabit lan- det. Und wenn der reibungslos funktionierende Rechtsstaat nicht mehr weit genug reicht, dann darf es für Unangepasste und Abtrün- nige auch schon mal ein kostenloses Ticket ohne Retourschein sein – gen Karibik oder Sibirien, oder eben auch zum endgültigen End- ziel guter deutscher Tradition.
Patriotische Gesinnung ist ein erster Schritt zur Selbstentmündi- gung, sagen die Einen – die Anderen sagen, sie sei einfach notwen- dig. Ich sage: Deutschland, Deutschland, Du musst wandern, von dem Einen zu dem Andern. Und so sehr ich mir wünsche, dass wir die Kraft haben, die Welt neu zu interpretieren, so sehr aber ist mein Verständnis einem jeden Einzelnen sicher, der sagt: Ich verzweifle daran.

