Lauti

Die Retroreichen

Eine Begegnung mit armen Reichen, armen Armen und der Armut der Reichen.

Wir alle sind selbst Teil der einen oder anderen Parallelgesell-schaft. Über die Parallelwelten in Villenvierteln jedoch ist nicht allzuviel bekannt. Als Prinzessin aber zieht es mich natürlicher- weise an jene Orte, wo Glanz und Gloria herrschen. Zwischen Prunk und Pomp habe ich sie dann entdeckt: Die Retroreichen – jene Rei- chen, deren Statussymbole ganz offensichtlich ein wenig in die Jahre gekommen sind. Und auch ein Teil der Geschichte des jeweili- gen ökonomischen Niedergangs wird sichtbar. Auf manch einem stol- zen Anwesen hat sich eine Poesie des Verfalls entfesselt. Hie und da bröselt verschämt der Putz vom Palais. Der große, goldglänzende Mercedes aus den 80er Jahren oder der beigefarbene Porsche aus besseren Zeiten steht schüchtern und einsam im Doppel-Carport. Die Gärten, Mauern und Zäune, die Wege und Auffahrten – all das bleibt seit vielen Jahren weitgehend sich selbst überlassen. Unweigerlich also habe ich die Retroreichen daher liebgewinnen müssen.

In den Vierteln der Reichen finden wir es dicht beieinander: Maß- loses Prassen und ignorante Arroganz, aber auch Einsamkeit und Verrücktheit. Sonnenbebrillte Strahlemänner fahren in belederten Cabrios die Auffahrten hoch und die hochwohlgeborenen Kinder wer- den vom Personal neben den Hunde ausführenden, sich nach Zuwendung sehnenden Damen reicher Herren, spazieren geführt. Schmuckbehange- ne Witwen ehrverdächtigen Alters schleichen die Gehwege entlang. 10-jährige Gören, die sich bereits wie Damen der höheren Gesell-schaft zu betragen wissen, unterhalten – ganz unbeabsichtigt – den auf das öffentliche Verkehrswesen angewiesenen Pöbel: In vorneh- mer, eleganter Körperhaltung, mit kostbaren Accessoires und in wohl gewählten Worten verweisen sie auf ihre gesellschaftliche Stellung, offenbaren gelegentlich jedoch auch spontane Begeiste- rung: „Ich liebe es, U-Bahn zu fahren!“

Wirklich beeindruckt hat mich ein Mann reifen Alters, der am hel- lichten Tage ein Fernrohr auf dem Trottoir aufstellte und in den Himmel blickte. Dieser Sternengucker schien seiner Beschäftigung mit regem Geist nachzugehen, schaute sich dabei aber mit offenem, beinahe kindlichem Blick immer wieder nach mir um. Und dann sah er wieder zu den Sternen hinauf.

Mit diesen charmanten Eindrücken, doch auch mit einiger Wut im Bauch, habe ich die Welt der Reichen und Retroreichen dann verlas- sen und bin an die gerade einmal 20 Minuten entfernt gelegene Sonnenallee in Neukölln weitergereist. In den zum Teil offenste-henden Häusern ist manche Wohnungstür versiegelt, an einigen kle- ben amtliche Mitteilungen. Die Frauen hier sind mitunter besser ins Leben integriert – vermutlich aber sind sie ebenso sehr in den traditionellen Vorstellungen ihrer Ehemänner gefangen wie jene in den Ghettos der Reichen wohnhaften.

An der Sonnenallee aufwachsende 10-Jährige haben es nicht gerade leicht; sie sind Bedingungen unterworfen, von denen die Kids der Reichen nicht einmal etwas ahnen. Einige fallen durch unvornehmes Pöbeln auf, andere versuchen die Folgen ihrer ausweglosen Armut als Drogenkuriere oder Nachwuchshehler zu bewältigen. Vom Leben der Reichen und Retroreichen ahnen sie noch nichts – und womöglich wird dies auch immer so bleiben, denn Parallelwelten zeichnen sich vornehmlich dadurch aus, dass ihre jeweiligen Angehörigen die an- deren Welten so gut es geht ausblenden und allenfalls Vorurteile über sie entwickeln.